Was ist marxistische Ökonomie?

Dieser Einführungstext von Rob Sewell liefert ein grundlegendes Verständnis über die Begriffe der marxistischen Arbeitswertlehre, dem kapitalistischen Wirtschaftssystem und seiner Krisenhaftigkeit. Er ersetzt zwar das Studium der marxistischen Klassiker nicht, ist aber ein guter Einstieg für angehende Marxistinnen und Marxisten.


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Die aktuelle Krise des kapitalistischen Systems ist die tiefste, soweit die persönliche Erinnerung irgendeines Menschen zurückreicht, ja vielleicht die tiefste seiner ganzen Geschichte. Infolgedessen nimmt das Interesse an der Funktionsweise dieses Systems, und vor allem an der marxistischen Ökonomie, wieder zu.

Auf den ersten Blick wirkt die marxistische Ökonomie wohl recht schwierig zu verstehen. Schon die Sprache erscheint schwer verständlich. Das trifft aber auf alle Wissenschaften zu, die ihr eigenes Fachvokabular verwenden. Wenn man aber die Grundprinzipien verstanden hat, geht es sehr geradlinig weiter. Die Mühe zahlt sich absolut aus. Es ist geradezu erstaunlich, wie sehr es sich lohnt, sich damit zu beschäftigen. Der Marxismus bietet Antworten auf viele Fragen, die sonst rätselhaft bleiben, beispielsweise wie Arbeiter und Arbeiterinnen ausgebeutet werden und warum das kapitalistische System verheerende periodische Krisen durchläuft.

Marx hat das Wirtschaftssystem nie subjektiv, sondern objektiv betrachtet, gleich einem Naturwissenschaftler, der die Funktionsweise eines Bienenstocks untersucht. Werfen wir einen Blick auf die Gesellschaft, in der wir leben, scheint alles von Geld und dem Kauf und Verkauf von Dingen beherrscht zu werden. Geldmacherei ist die Triebkraft von fast allem. Geldbeziehungen haben sich tief in den Alltag und in das Bewusstsein eingebrannt. Das Geld wird sogar wie eine Person behandelt, während Menschen mit Geldbegriffen bezeichnet werden. „Dem Pfund geht es heute auf den Finanzmärkten etwas besser“, heißt es in den Finanznachrichten, als wäre von der Gesundheit eines kranken Menschen die Rede. Gleichzeitig spricht man davon, der millionenschwere Landbesitzer, der Duke of Westminster, sei so und so viele Millionen „wert“. Was ist der Grund für diesen seltsamen Zustand, den Marx als „Warenfetisch“ bezeichnete?

Einfach ausgedrückt ist dieses bizarre Konzept ein Produkt der Marktwirtschaft, in der soziale Beziehungen verzerrt und auf eine Reihe von Geldzahlungen reduziert werden. Da wir in einer Welt leben, die von genau solchen Beziehungen dominiert wird, durchdringen sie unser Denken und prägen unsere Sicht der Dinge. Eine solche Sichtweise mystifiziert beispielsweise unseren Blick auf wirtschaftliche Aktivitäten, deren Teil wir sind. Unser Alltagsleben ist mysteriösen Kräften unterworfen. Diese Dinge finden hinter unserem Rücken statt und wir verstehen sie nicht vollständig. Wie die Welt der Urvölker, die leblose Objekte verehrt haben, wird die unsere von Geld und Waren beherrscht, die scheinbar außergewöhnliche Kräfte besitzen. Niemand kontrolliert den Markt. Und doch beherrscht er uns alle.

Diese Situation hat so nicht immer bestanden. Im Feudalismus zum Beispiel waren die sozialen Beziehungen deutlicher und durchsichtiger. Sie beruhten auf sozialen Verpflichtungen, die wiederum auf der Hierarchie des Landbesitzes fußten. Allen war ihr Platz bewusst. Die Gesellschaft war sozial statisch.

Aber die Kapitalisten machten dem Feudalismus rücksichtslos ein Ende und etablierten ihre eigene Herrschaft.

„Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört“, schreiben Marx und Engels im  Manifest der Kommunistischen Partei. „Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose ‚bare Zahlung‘.“ (Karl Marx und Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, S. 462.)

Der Kapitalismus revolutioniert im Vergleich zu früheren Gesellschaften die Produktivkräfte, bringt aber im Gegenzug seine eigenen Gesetze und Widersprüche mit sich. Die aufstrebende Kapitalistenklasse beraubte die Bauern ihres Landes und somit ihrer eigenständigen Existenzgrundlage und machte sie zu Lohnarbeitern. Sie monopolisiert die Produktionsmittel und zwingt die ehemaligen Leibeigenen, die besitzlosen Arbeiter, für die neuen Besitzenden zu arbeiten. Diese neue Klassenteilung war das Ergebnis der neuen Gesellschaftsordnung. Das bezeichnete Marx als die Epoche der „ursprünglichen Akkumulation“, in der das Kapital zur Welt kommt, „von Kopf bis Zeh, aus allen Poren blut- und schmutztriefend“. Durch diesen brutalen Prozess entstanden die Arbeiterklasse und die frisch zu Reichtum gelangte Kapitalistenklasse mit ihren jeweils eigenen Klasseninteressen. Die Kapitalisten, die herrschende Klasse, beuteten die Arbeiter und Arbeiterinnen rücksichtslos aus und gelangten so an Mehrwert, Reichtum und ökonomische Macht.

Jede Klssengesellschaft entwickelte ihre eigene Ausbeuterklasse, nämlich Sklavenhalter, feudale Grundbesitzer und Kapitalisten. In der Sklavenhaltergesellschaft waren die Produzenten das Eigentum der Sklavenhalter. Im Feudalismus gehörte das Land, an das die Leibeigenen gebunden waren und das den wichtigsten Wirtschaftsfaktor in einer Agrargesellschaft darstellt, den Feudalherren. Im Kapitalismus sind die Maschinen und Fabriken, die Produktionsmittel, Privateigentum der Kapitalisten, während die eigentumslosen Arbeiter gezwungen sind, sich selbst – oder genauer gesagt ihre Arbeitskraft – zu verkaufen, um zu überleben.

Wo sich die Produktion für den Austausch entwickelt hat und eine breite Palette von Gütern produziert wird, entsteht eine Arbeitsteilung. Obwohl es in allen Gesellschaftsformen Produktion gibt, gibt es nicht überall auch eine Produktion für den Austausch. In bäuerlichen Gesellschaften leben die Menschen von den Ernten, die sie einbringen und der Tausch spielt keine Rolle. Im Feudalismus eigneten sich die Herren das Mehrprodukt [d.h. jenen Teil, der über den Lebenserhalt der Leibeigenen hinaus mehr produziert wird] ihrer Leibeigenen einfach an, die auf ihrem Land arbeiteten. Im Kapitalismus wird die Produktion für den Austausch zur vorherrschenden Form.

Um den Unterschied zwischen Produktion an sich und Produktion für den Austausch zu unterstreichen, stellt Marx einander die Begriffe „Gebrauchswert“ und „Tauschwert“ gegenüber. Der Begriff „Wert“ hat zwei Bedeutungen. Die eine ist der Gebrauchswert, der die Bedürfnisse eines Menschen erfüllt. Es hat die Eigenschaft, nützlich zu sein. Ein Handy hat etwa den Gebrauchswert, dass man damit jemand anderen anrufen kann. Aber ein Gebrauchswert muss nicht unbedingt ein gegenständliches Ding sein. So hat der Gesang einen Gebrauchswert, nämlich jemandem eine Freude zu bereiten; wenn er jedoch vorbei ist, bleibt nichts Greifbares davon übrig. Auch sind nicht alle Gebrauchswerte die Produkte menschlicher Arbeit. Die Luft ist ein Gebrauchswert, wenn sie nicht eingeatmet werden kann, dann sterben Menschen; doch in ihre Herstellung ist keine Arbeit geflossen. Dennoch sind fast alle Produkte menschlicher Arbeit auch Gebrauchswerte.

Die zweite Bedeutung ist der Tauschwert, worin sich der Wert einer Ware ausdrückt, wenn sie gegen eine andere getauscht wird: So und so viel Paar Schuhe können gegen so und so viel Paar Hosen getauscht werden. Eine Ware ist ein Ding, das für den Verkauf produziert wird. Sie ist ein Gebrauchswert, der auch einen Tauschwert hat, sie ist also etwas, das auf dem Markt verkauft werden kann. Der Warenverkäufer interessiert sich nur für den Tauschwert. Er interessiert sich für den Preis, den die Ware erzielen wird und für nichts anderes. Der Käufer hingegen interessiert sich für den Gebrauchswert (dafür, wie er das Ding gebrauchen kann) und auch dafür, wie viel es kostet. Der Tauschwert einer Ware wird durch ihren Wert bestimmt.

Diese beiden Eigenschaften der Ware – Gebrauchswert und Tauschwert – sind miteinander verbunden. Wenn eine Ware, die produziert wurde, keinen Nutzen für irgendwen hat, dann wird sie niemand kaufen und sie kann nicht getauscht werden. In einer solchen Situation wird der Tauschwert bedeutungslos – die Ware enthält daher nutzlose Arbeit.

Es lag an Marx, diese Beziehungen zu verstehen. So konnte er enthüllen, wie die Ausbeutung der Arbeiterklasse im Kapitalismus funktioniert. Er war dazu in der Lage, indem er die Arbeitswerttheorie, die zum Eckpfeiler nicht nur der frühen bürgerlichen politischen Ökonomen wie Adam Smith und David Ricardo, sondern auch der marxistischen Ökonomie wurde, weiterentwickelte.

Diese Theorie steht auf einer recht einfachen Grundlage. Das Hauptargument ist, dass die Arbeit der Ursprung aller Werte ist. Menschen können nur durch ihre Arbeit, durch die Produktion von Gebrauchswerten, leben und ihre Grundbedürfnisse erfüllen. Wir müssen arbeiten, um zu überleben. Natürlich kann dies auch dergestalt geschehen, dass eine Ausbeuterklasse von der Arbeit anderer lebt, wie das im Kapitalismus der Fall ist. Ohne Arbeit würden wir alle umkommen. Marx schrieb dazu: „Daß jede Nation verrecken würde, die, ich will nicht sagen für ein Jahr, sondern für ein paar Wochen die Arbeit einstellte, weiß jedes Kind.“ (Karl Marx: Brief an Kugelmann vom 11.Juli 1868, S. 552.)

Vor der Entwicklung des Kapitalismus war der Großteil der Produktion für den persönlichen Verbrauch bestimmt. Bauern kümmerten sich um ihre Ernte und stellten die Dinge her, die sie brauchten. Kleine Überschüsse wurden auf dem lokalen Markt verkauft, aber das spielte nur eine zweitrangige Rolle. Aber von dem Zeitpunkt an, da der Markt vorherrschend wird, stellen die meisten Produzenten nicht mehr für sich selbst, sondern für den Austausch Waren her. Das ist die Keimzelle der heutigen kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Alle werden aufgrund der Arbeitsteilung voneinander abhängig, da jeder die von jemand anderem hergestellten Produkte braucht. Der Austausch wird zur sozialen Bindung zwischen den Personen. Das ist die Grundlage der allgemeinen Warenproduktion, das heißt der Massenproduktion von Tauschwerten.

Der Warentausch basiert auf dem Austausch von Gleichwertigem, von Äquivalenten. Ein Ding wird gegen ein anderes Ding von gleichem Wert getauscht. Zwar gibt es einige Händler, die billig kaufen und teuer verkaufen, doch dabei handelt es sich lediglich um Schwankungen, die sich gegenseitig ausgleichen, denn der Gewinn des einen Verkäufers ist hier der Verlust des anderen Käufers und umgekehrt. Die Gesamtgesellschaft gewinnt dadurch nichts; es wird lediglich verteilt, was es schon gibt. Trotzdem entsteht mit dem Tauschhandel das Bestreben, eine bestimmte Menge eines Produkts gegen eine bestimmte Menge eines anderen Produkts zu tauschen – allerdings als Austausch von Äquivalenten.

Waren sind, wie wir erklärt haben, Dinge, die für den Tausch produziert werden. Es ergibt sich die Frage: Was genau wird dabei denn getauscht? Die Dinge sind so unterschiedlich und haben unterschiedlichen Nutzen, was haben sie also alle gemeinsam? Was macht sie miteinander vergleichbar?

Dieses gemeinsame Merkmal ist offenbar nicht das Gewicht, die Farbe, die Größe oder irgendeine andere natürliche Eigenschaft, die sich alle deutlich zwischen den verschiedenen Waren unterscheiden. Ein Paar Schuhe ist etwas ganz anderes als eine Hose. Aber was sie im Austausch gemeinsam haben, ist, dass sie alle Produkte menschlicher Arbeit sind.

„Die Natur baut keine Maschinen, keine Lokomotiven, Eisenbahnen, Telegraphen, Spinnautomaten etc. Sie sind Produkte der menschlichen Industrie“, erklärt Marx. (Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, S. 602.) Die Natur liefert die Materialien, aber es ist die Arbeit, die sie zu Gebrauchswerten und Werten macht. Die Natur stellt die Materialien frei zur Verfügung, ohne jeden Wert. Es ist die menschliche Arbeit, die durch die Verausgabung von Zeit und Mühe die Werte schafft.

Folglich kann durch den Austausch eine bestimmte Menge verallgemeinerte Arbeit in einer Ware mit der gleichen Menge verallgemeinerter Arbeit in einer anderen Ware verglichen werden. Im Austausch wird eine gewisse Zahl von Uhren gegen so-und-so viel Paar Schuhe getauscht, abhängig von der Menge an Arbeitszeit, die an ihrer Herstellung beteiligt ist. Waren können daher im Austausch als eine bestimmte Menge verdichteter Arbeitszeit angesehen werden. Der Aufwand an menschlicher Anstrengung ist der wirkliche Kostenfaktor in der Produktion.

Selbst die frühen bürgerlichen Ökonomen haben dieses Prinzip akzeptiert. In The Wealth of Nations von Adam Smith stieß Marx zum ersten Mal auf die klassische Definition von Wert, die er sich Wort für Wort notiert hat:

„Nicht mit Gold oder Silber, sondern mit Arbeit wurden alle Güter der Welt ursprünglich gekauft; und ihr Wert für die, welche sie besitzen und gegen neue Erzeugnisse vertauschen wollen, ist genau der Arbeitsmenge gleich, welche zu kaufen oder über welche zu verfügen sie dadurch instand gesetzt sind.“ (Adam Smith: Untersuchung über das Wesen und die Ursachen des Volkswohlstandes, S. 42.)

Marx entdeckte jedoch außerdem die wichtige Tatsache, dass der Wert ein Verhältnis zwischen Personen, ein gesellschaftliches Verhältnis ist. Im Kapitalismus nimmt dieses jedoch „die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen“ an. Es sind aber die Menschen selbst, mit ihren eigenen Interessen, die diesen Austausch betreiben und leblose Gegenstände zum Verkauf verwenden, nicht umgekehrt. „Die Waren können nicht selbst zu Markte gehn und sich nicht selbst austauschen.“ (Karl Marx: Das Kapital. Erster Band, S. 86; 99.)

Wir müssen hinter die Erscheinung der Dinge blicken, um die wirklichen Verhältnisse unter der Oberfläche zu verstehen. Die Gesetze, die den Kapitalismus beherrschen, wirken hinter dem Rücken der Gesellschaft. Als wirkliche Wissenschaft hat der Marxismus das Ziel, diese zugrunde liegenden Beziehungen und Gesetze aufzudecken.

Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit

Der Wert im marxistischen Sinn scheint auf den ersten Blick ein seltsames Ding zu sein. Er ist weder eine natürliche noch eine gegenständliche Eigenschaft der Ware. Der Wert als solcher kann weder mit einem leistungsstarken Mikroskop gesehen, noch berührt oder gerochen werden. Er ist nicht greifbar. Aber der Tauschwert (oder auch nur „Wert“) existiert ebenso wie die Schwerkraft, und ist nichts Willkürliches.

Marx legte dar, dass der Wert eine bestimmte gesellschaftliche Eigenschaft ist, die nur Waren im Austausch zukommt. Durch den Austausch von Werten wird eine gewisse Menge verallgemeinerter Arbeit ausgetauscht. Beim Tausch wird die Arbeit beispielsweise des Schneiders und des Bauarbeiters gleichgesetzt. Über die jeweilige Form der Arbeit wird hinweggesehen und ihre Produkte nur als verallgemeinerte, einfache Arbeit betrachtet. Jede Arbeit, ob einfache, ungelernte, angelernte oder qualifizierte Arbeit, wird im Austausch auf gewisse Mengen durchschnittlicher Arbeit reduziert, wobei qualifizierte Arbeit einfach ein Vielfaches der ungelernten Arbeit darstellt. Als gesellschaftliches Verhältnis stellt sich der Wert als Verhältnis zwischen der Arbeit verschiedener Produzenten dar. Der Wert ergibt sich also nicht aus einer bestimmten Form der Arbeit, sondern aus abstrakt menschlicher Arbeit, oder aus Arbeit im Allgemeinen.

Die Kapitalisten verkaufen die Dinge natürlich nicht zu ihrem Selbstkostenpreis. Sie wollen Profit machen. Im Produktionsprozess schafft nur die Arbeit Werte. Maschinen schaffen keine neuen Werte, sie übertragen nur ihren eigenen Wert Stück für Stück durch Abnutzung oder Abschreibungen auf die neuen Waren. Maschinen müssen in jedem Fall durch Arbeiter bedient werden, denn von selbst produzieren sie nichts. Rohstoffe werden in gleicher Weise im Produktionsprozess verbraucht und ihr Wert überträgt sich ebenfalls auf die neuen Produkte. Anders ausgedrückt, ein Schneider erhöht den Wert, der aus den von ihm verbrauchten Materialien übertragen wird, indem er ihnen durch Schneiden und Nähen seine Arbeit einfließen lässt.

Die Kosten für ein Haus setzen sich beispielsweise zusammen aus den Materialkosten für den Bau: Ziegel, Zement, Holz, Gips, … und der Arbeit der beteiligten Arbeiter und Arbeiterinnen. Was bestimmt nun ihren Preis? Die Ziegel, das Holz, der Zement, ... wurden alle durch menschliche Arbeitskraft hergestellt. Daher können die Kosten auf die Menge an Arbeitszeit reduziert werden, die für deren Herstellung notwendig ist. Wir haben hier eine Kombination aus vergangener und gegenwärtiger Arbeit (tote und lebende Arbeit, wie Marx es nannte).

Genauer gesagt wird der Wert einer Ware nicht an der konkreten Arbeitszeit gemessen, sondern anhand der gesellschaftlich notwendigen Arbeit, die in ihrer Produktion benötigt wird. Marx machte diese wichtige Unterscheidung zwischen „Arbeitszeit“ und „gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit“. Der Wert ist nicht einfach gleich dem konkreten Arbeitsaufwand in der Produktion, da ein fauler oder ineffizienter Arbeiter dann ja viel größere Werte erschaffen würde, da er mehr Zeit dafür benötigt, Dinge herzustellen. Das ist offensichtlich falsch. Der Wert ergibt sich durch die „gesellschaftlich notwendige“ Arbeit, also der durchschnittlichen Arbeitszeit, die unter durchschnittlichen sozialen Bedingungen und mit den vorhandenen technischen Möglichkeiten benötigt wird, um eine Ware zu produzieren. Ob eine Ware gesellschaftlich notwendige Arbeit enthält oder nicht, zeigt sich im Austausch, wenn sich Waren auf dem Markt verkaufen lassen oder abgelehnt werden.

Wenn die Herstellung einer bestimmten Ware länger dauert als die dafür notwendige durchschnittliche Arbeitszeit, dann findet während dieser zusätzlichen Arbeitszeit nutzlose Arbeit statt. Auf dem Markt werden solche „hochwertigen“, also überteuerten, Produkte keinen Abnehmer finden. Alle Waren, die zu höheren Kosten produziert wurden als die tatsächlich durchschnittlich gesellschaftlich notwendigen, werden unverkäuflich bleiben oder müssen vom Kapitalisten mit Verlust verkauft werden. Diejenigen Kapitalisten, die unproduktive (überflüssige) Arbeitskräfte beschäftigen, werden bald aus dem Geschäft gedrängt werden und nicht in der Lage sein, ihre Waren zum „laufenden Kurs“ zu verkaufen. Die Preise werden tendenziell die „gesellschaftlich notwendige“ Zeit widerspiegeln, die für ihre Produktion benötigt wird.

Profit und Produktivität

Geld zu verdienen ist der Antrieb der Kapitalisten. Wenn ein Kapitalist neue Produktionstechniken entwickelt und Waren zu niedrigeren Kosten produziert, kann er mehr Waren billiger verkaufen und somit Extraprofite erwirtschaften – so lange, bis alle anderen nachziehen und ebenfalls neue Techniken einführen. Sobald das passiert und das neue technische Niveau zum allgemeinen Durchschnitt wird, fallen die Preise auf das Niveau der neuen „gesellschaftlich notwendigen“ Arbeitszeit. Die Produktion der Ware braucht nun weniger Zeit als zuvor, daher enthält sie auch weniger Wert, wodurch die Kosten und die Preise sinken. Natürlich verändert sich die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit fortwährend mit der konstanten Entwicklung der Technik. Es gibt jedoch an jedem Punkt einen allgemeinen Durchschnittsstandard, der wiederum in einem nie endenden Prozess des technischen Fortschritts verdrängt wird.

Der Kapitalismus ist ein anarchisches System. Es gibt keinen wie auch immer gearteten Plan, sobald die Waren auf den Markt kommen. Hier herrschen die blinden Kräfte des Marktes. Wenn ein Kapitalist 1000 Betten produziert und sie um jeweils 100€ verkaufen will und dann aber sieht, dass andere Kapitalisten, mehr als sonst, das ebenfalls getan haben, wird er fürchten, nicht all seine Betten verkaufen zu können. Er wird dann den Preis reduzieren, um seine Konkurrenten auszustechen, aber die anderen werden dasselbe versuchen. Mit fallenden Preisen interessieren sich dann auch Leute, die eigentlich nicht vorhatten, etwas zu kaufen, für die Waren. Wenn die Preise fallen steigt die Nachfrage. In diesem Fall bleiben entweder einige Betten unverkäuflich oder der Preis für ein einzelnes Bett wird niedriger sein als gewöhnlich. Statt dass der Kapitalist 100.000€ verdient, wie er es erwartet hätte, wird er sich zum Beispiel mit 70.000€ zufriedengeben müssen.

Aber für die Kapitalisten, die Schränke hergestellt haben, lief es besser. Es gab weniger Verkäufer, aber viele Interessenten an Schränken. Die Schränke, die eigentlich um 200€ verkauft wurden, gingen zur Neige. Die Kapitalisten erhöhten also die Preise. Damit sank die Nachfrage. Es gibt eine Grenze für Preiserhöhungen, wenn trotzdem alles verkauft werden soll. Der Preis stieg auf 300€. Am Ende des Tages verkaufte der Kapitalist all seine Waren und verdiente 150.000€ mit den Verkäufen.

Die Kapitalisten, die Betten herstellten, sahen die Profite der Schrankproduzenten. Immer mehr und mehr begannen, ihre Produktion auf die profitableren Schränke umzustellen, anstatt weiter Betten zu produzieren.

In anderen Worten, das Kapital fließt in diejenigen Sektoren der Wirtschaft, die die höchste Rendite versprechen. Aber mit dem Ausbau der Kapazitäten steigt die Produktion der Schränke und die Preise fallen (ebenso wie die Profite). Infolgedessen sucht das Kapital nach Bereichen mit höheren Profitraten, möglicherweise in der Bettenproduktion, in der es nun Engpässe gibt und die Preise daher gestiegen sind. Sobald sich eine Gelegenheit auftut, vergeht eine andere. Das führt zu einer neuen Arbeitsteilung in der Gesellschaft, die die Veränderungen bei Nachfrage und Preisen widerspiegelt.

Während der Warenwert, der sich aus der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit für die Herstellung ergibt, nicht unmittelbar sichtbar ist, so sind es Preise in jedem Fall. Man muss nur in irgendein Geschäft gehen: alle Waren haben Preisschilder. Obwohl gleichwertige Waren tendenziell den gleichen Tauschwert und auch den gleichen Preis haben, ist das nicht immer der Fall. Eigentlich ist das sogar meistens nicht der Fall. Tatsächlich würde sich das Wertgesetz nicht durchsetzen, wenn die Preise nicht von den Werten abweichen würden. Eine neue Arbeitsteilung und Ressourcenzuteilung ergeben sich immer wieder daraus, dass Preise als Reaktion auf Änderungen in Angebot und Nachfrage über oder unter dem Wert liegen.

Die Preise spiegeln also nicht immer den genauen Wert einer Ware wider, aber sie schwanken tendenziell um diesen Wert herum. Diese Preisschwankungen können mit dem Meeresspiegel verglichen werden. Während sich im Lauf der Gezeiten Ebbe und Flut abwechseln, so gibt es doch einen bestimmten Bezugspunkt, einen Durchschnittspegel, um den herum der Meeresspiegel steigt und fällt. Die Unterschiede ergeben sich aus der Tatsache, dass das Meer in ständiger Bewegung ist und durch die Schwerkraft beeinflusst wird. Trotzdem gibt es den Meeresspiegel, um den herum Ebbe und Flut stattfinden.

In Bezug auf die Wirtschaft ist die Summe aller Preise, egal wie sehr sie voneinander abweichen, gleich der Summe aller Werte, „die von der menschlichen Arbeit geschaffen wurden und die auf dem Markt erscheinen”, erklärt Trotzki.

„Selbst wenn man das ‚Preismonopol‘ oder den ‚Trust‘ in Rechnung stellt, können die Preise nicht diese Grenze überschreiten; dort, wo die Arbeit keinen neuen Wert geschaffen hat, kann selbst Rockefeller nichts herausschlagen.” (Leo Trotzki: Marxismus in Unserer Zeit, S. 64.)

Auf diese Weise bestimmt das Wertgesetz das Verhältnis der zu produzierenden Waren und die Verteilung der Arbeitskraft auf die verschiedenen Sektoren der Wirtschaft. So fungiert das Wertgesetz durch Preissignale und Marktkräfte als grundlegendes Regulierungsinstrument des Kapitalismus.

Es lohnt sich, den oft verwischten Unterschied zwischen materiellem Reichtum und Wert zu betonen. Wert ist eine soziale und historische Kategorie, die nur in Zusammenhang mit Warenproduktion existiert. Wenn die Warenproduktion aufhört und wir für Bedürfnisse produzieren, dann wird auch der Wert verschwinden. Das findet in einer sozialistischen Gesellschaft statt. Reichtum hingegen ist etwas Materielles und besteht aus Gebrauchswerten, unabhängig von der Gesellschaftsform.

Unter sonst gleichbleibenden Umständen wird ein Anstieg der Arbeitsproduktivität zu einem Anstieg des allgemeinen Wohlstands einer Gesellschaft führen: mehr Kleidung, Autos, Fernseher, Häuser, usw. Dennoch könnte die Gesamtmenge der vorhandenen Werte gleich bleiben, solange die Menge der aufgewandten Arbeitskraft gleich bleibt. Wenn eine Arbeiterin in der Autoindustrie in 8 Stunden 100 Motoren produziert statt nur 50, dann hat sie trotzdem nur 8 Stunden gearbeitet. Ein Auto würde jetzt aber nur noch die Hälfte des Wertes, oder der Arbeitszeit, enthalten wie zuvor. Nehmen wir ein weiteres Beispiel: eine gute Ernte erhöht den Reichtum eines Landes, auch wenn die Gesamtwerte der Ernte gleich bleiben, weil die Menge der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, die aufgewendet wurde, gleich bleibt.

Die bürgerlichen Kritiker werden nicht müde, diese scheinbaren „Widersprüche“ bei Marx hervorzuheben, ohne dass sie Marx’ wissenschaftliche Analyse je verstanden hätten. Sie sind unfähig, ihm zu antworten und ziehen daher vor, alles, was er sagt, zu verdrehen und zu verzerren. Alles, was sie interessiert, ist der Markt und seine Beziehungen, die die Oberflächenerscheinungen der wirtschaftlichen Verhältnisse im Kapitalismus darstellen.

Der ständige Drang der Kapitalisten, mit der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit Schritt zu halten, erklärt auch, warum der Kapitalismus nicht existieren kann, ohne ständig seine Produktionsweise zu revolutionieren. Die Einführung von Maschinen wiederum bedeutet gemeinsam mit der Ausweitung des Kapitals auch eine Steigerung der Arbeitsproduktivität.

„Außerdem“, stellt Marx fest, „macht die Entwicklung der kapitalistischen Produktion eine fortwährende Steigerung des in einem industriellen Unternehmen angelegten Kapitals zur Notwendigkeit, und die Konkurrenz herrscht jedem individuellen Kapitalisten die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise als äußere Zwangsgesetze auf. Sie zwingt ihn, sein Kapital fortwährend auszudehnen, um es zu erhalten, und ausdehnen kann er es nur vermittelst progressiver Akkumulation.“ (Karl Marx: Das Kapital. Erster Band, S. 618.)

Preise und Werte

Marx hat nie gesagt, dass der Tauschwert das einzige sei, was den Preis bestimmt. Er hat die Auswirkungen von Angebot und Nachfrage auf den Preis nie geleugnet. Ebenso wenig hat er die Existenz von Monopolpreisen bestritten. Er unterschied zwischen Wert und Preis und stellte fest, dass ein Preisschild an alles gehängt werden kann, auch an Dinge, die überhaupt keinen Wert haben. Dinge wie unbearbeitetes Land wird zu enormen Summen bewertet und verkauft. Seltene Kunstwerke werden für Millionen verkauft, weit über ihren ursprünglichen „Wert“ hinaus, aufgrund der rasenden Spekulation derjenigen, die genug Geld und Interesse haben, in diese einzigartigen Artefakte zu „investieren“. Dadurch, dass das Angebot auf einzelne Stücke limitiert ist, kann ein Rembrandt-Gemälde für ein Vermögen verkauft werden. Das einzige, was hier den Preis bestimmt, ist der Betrag, den die Superreichen bereit sind zu zahlen. Kunstwerke können nicht beliebig produziert und reproduziert werden, außer als billige Imitationen. Sie sind daher einzigartige, einmalige Dinge. Diese Monopolstellung hat direkten Einfluss auf ihren Preis und darauf, was Menschen bereit sind zu zahlen. Wenn es sich um etwas Einzigartiges handelt, dann führt das beschränkte Angebot dazu, dass es astronomische Preise erzielen kann.

Solche Beispiele werden genutzt, um die Arbeitswerttheorie anzugreifen, obwohl es völlig logische Erklärungen für sie gibt. Daher sind diese Angriffe auch gegenstandslos.

In der Praxis liegen solche Dinge wie klassische Originalgemälde außerhalb des Bereichs der Arbeitswerttheorie, die sich mit Waren befasst, die uneingeschränkt reproduziert werden können. Hier handelt es sich im Gegensatz dazu um Monopolpreise.

In Wirtschaftslehrbüchern wird behauptet, dass alle Preise von Angebot und Nachfrage bestimmt seien. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Natürlich kann ein Laden an der Ecke von seinen Kunden um Mitternacht einen höheren Preis verlangen, wenn man entweder den höheren Preis zahlen oder mit leeren Händen heim gehen muss. Auch kann der Preis für Bohnen bei Knappheit sehr hoch werden – aber er kann nur in gewissen Grenzen steigen. Denn was immer die Preise für Brot oder Bohnen sind, sie werden immer niedriger als die eines Traktors sein. Auch wenn sich Preise durch Angebot und Nachfrage verändern, werden sie immer um eine gewisse Achse herumschwanken, nämlich um den Warenwert. Das ist der Grund dafür, dass bestimmte Waren, wie etwa eine Dose Bohnen, immer billiger sein werden als Waren, für die mehr Arbeitszeit in der Produktion aufgewendet wird – sei dies ein Auto oder ein Traktor. Höhere Preise werden, wie bereits erklärt, dazu führen, dass Kapital in diese Sektoren fließt, da es von den hohen Profitmöglichkeiten angezogen wird. Das wird die zukünftige Produktion erhöhen und somit wiederum den Preis reduzieren. Solche Prozesse finden in der gesamten Wirtschaft statt.

Das zeigt die Schwankungen der Marktpreise auf, lässt aber die Frage offen, was hinter diesen Preisen steckt. Für Marx liegt die Antwort in der Arbeitswerttheorie. Aber bürgerliche Ökonomen ignorieren diese Frage einfach, um ja nicht in den Verdacht zu geraten, womöglich solche ketzerischen Ideen zu verteidigen.

Nutzentheorie

Die Österreichische Schule der Nationalökonomie1 war die Hauptartillerie der bürgerlichen Gegenoffensive gegen den Marxismus. Für sie waren Löhne einfach Bestandteil des Nationaleinkommens, ebenso wie Miete, Zinsen und Gewinn. Arbeit hatte keinen speziellen Platz in der Produktion und so etwas wie Mehrwert existierte für sie nicht. Ihr Wertbegriff basierte nicht auf objektiven Kriterien, sondern drückte lediglich eine subjektive Entscheidung oder Wunschdenken aus. Um es mit den Worten von Richard Whaterly (1787-1863), dem ehemaligen Erzbischof von Dublin, auszudrücken:

„Es ist nicht so, dass Perlen einen hohen Preis erzielen, weil Männer nach ihnen tauchen müssen, sondern im Gegenteil, Männer tauchen nach ihnen, weil sie einen hohen Preis erzielen.“

Tatsächlich aber ergibt sich der hohe Preis für Perlen aus der schwierigen Arbeit, die mit ihrer Beschaffung verbunden ist und ihr hoher Wert spornt Menschen an, sich an dieser Arbeit zu beteiligen. Unser Erzbischof ist blind für die wesentliche Frage: Was ist der Wert einer Perle und wie wird er bestimmt? Marx erklärt das in Bezug auf Diamanten:

„Diamanten kommen selten in der Erdrinde vor, und ihre Findung kostet daher im Durchschnitt viel Arbeitszeit. Folglich stellen sie in wenig Volumen viel Arbeit dar.“ (Kapital Band 1, S. 54.)

Das trifft auch auf Perlen zu.

Während Marx den Wert als etwas Objektives betrachtet, sehen die Anhänger der Grenznutzentheorie in ihm etwas Subjektives. Sie stellen diese Frage in idealistischer Weise auf den Kopf. Das wurde von späteren Ökonomen aufgegriffen und dann zur Grundlage der modernen bürgerlichen Ökonomie. Ab diesem Punkt hört die bürgerliche Ökonomie auf, eine Wissenschaft zu sein. Ihr einziger Zweck besteht nunmehr darin, das kapitalistische System zu rechtfertigen.

Wenn jemand etwas unbedingt will, dann hat es ihrer Meinung nach erheblichen Nutzen für diese Person. Je mehr man es will, desto mehr ist man bereit, dafür zu zahlen. Es hängt also von der eigenen Sichtweise ab, um genau zu sein davon, wie viel Zufriedenheit eine Person durch den Konsum einer Ware erhält. Seltsamerweise ist es aber so, dass die gleiche Ware im Supermarkt für denselben Preis verkauft wird, obwohl man sehen kann, dass sie unterschiedlichen Nutzen für verschiedene Menschen hat. Das heißt dann aber, dass der Preis nichts Subjektives ist, sondern auf einer realen Wertgrundlage basieren muss. Wenn der Nutzen den Wert bemisst, wie kann es denn sonst sein, dass Dinge mit unterschiedlichem Nutzen für den gleichen Preis verkauft werden? Sie versuchen diesem Widerspruch auszuweichen, indem sie sich auf die „Marge“ und in den Wirtschaftslehrbüchern auf den „Grenznutzen“ beziehen. Aber wir werden an dieser Stelle diesen Bereich idealistischer Fantasien verlassen.

Arbeitskraft und Löhne

Im Feudalismus ist die Existenz von Ausbeutung für jeden sichtbar. Die Leibeigenen arbeiten auf ihrem eigenen Land, um die Ernte für sich und ihre Familie zu erwirtschaften. Dann arbeiten sie auf dem Land ihres Herrn, um einen Überschuss zu produzieren, den sich der Landesherr aneignet. Dazwischen liegt ein zeitlicher und räumlicher Abstand. In der Sklaverei wird Mehrarbeit nicht auf die gleiche Weise geleistet. Es entsteht der Eindruck, dass sich der Sklavenhalter alles aneignet. In Wahrheit aber muss der Sklave essen, um arbeiten zu können und der Sklavenhalter muss ihm das zur Verfügung stellen. Daher ist ein Teil der Sklavenarbeit notwendige Arbeit (um ihren Unterhalt zu decken), während der Rest Mehrarbeit ist, die sich der Sklavenhalter aneignet. Im Kapitalismus ist die Ausbeutung versteckt, weil notwendige Arbeit und Mehrarbeit zeitlich und örtlich nicht getrennt stattfinden. Der ganze Prozess wird von einem Schleier verhüllt.

Aber Marx zeigt auf, wie der Mehrwert im Kapitalismus entsteht. Er erklärt, dass der Kapitalist auf dem Markt eine Ware vorfindet, die im Gegensatz zu allen anderen Waren eine Quelle von Wert ist, die größer ist als ihr eigener Wert. Diese Ware heißt Arbeitskraft. Arbeitskraft bezeichnet die Fähigkeit, mittels Einsatzes von Denken und Muskelkraft zu arbeiten. Marx definiert sie als „den Inbegriff der physischen und geistigen Fähigkeiten, die in der Leiblichkeit, der lebendigen Persönlichkeit eines Menschen existieren.” (Ebd. S. 181)

Der Kauf und die Nutzung dieser „geistigen und körperlichen Fähigkeiten“, all die Anstrengungen und Belastungen, die in den Arbeitsprozess fließen, wenn sie vom Kapitalisten eingesetzt werden, stellen die Ausbeutung der Arbeiterklasse dar. Die Kapitalisten pressen in jeder Minute, in der für sie gearbeitet wird, alle Energie aus den Arbeitern und Arbeiterinnen heraus.

Was ist der Preis der Arbeitskraft oder der Wert der Löhne, die an die Arbeiter gezahlt werden? Menschliche Arbeitskraft ist eine Ware wie jede andere. Wie bei allen anderen Waren ist ihr Wert davon bestimmt, wie viel Zeit für ihre Produktion gesellschaftlich notwendig ist. Arbeitskraft ist direkt mit dem Wohlergehen der arbeitenden Menschen verbunden. Sie benötigen Nahrungsmittel, Kleidung, Unterkunft, … um überleben und am nächsten Tag wieder arbeiten zu können. Das beinhaltet auch den Unterhalt der Familie, der nächsten Generation von Arbeitern und Arbeiterinnen. Arbeiter müssen auch ausgebildet und geschult werden. Daher wird der Wert der Arbeitskraft bestimmt durch den Wert der Lebensmittel, also der Mittel, womit die Arbeitskraft reproduziert wird. Darüber hinaus gibt es ein historisches Element, das von Ort und Zeit abhängt. Löhne, der Preis der Arbeitskraft, werden als „handelsüblicher Preis“ für den jeweiligen Job betrachtet. Jedoch sind die Kapitalisten daran interessiert, die Löhne so niedrig wie möglich zu halten. Die Arbeiter haben ein entgegengesetztes Interesse. Löhne – der Preis der Arbeitskraft – können daher bis zu einem gewissen Grad schwanken, je nach dem Stand des Kampfes der lebendigen Kräfte, also des Klassenkampfes.

Nachdem er die Arbeitskraft für einen gewissen Lohn gekauft hat, setzt der Kapitalist seine „angeheuerten Hände“ zur Arbeit ein. Während der Arbeiter/die Arbeiterin aber einen Vertrag abgeschlossen hat, für, sagen wir, 8 Stunden zu arbeiten, hat er/sie den Wert ihres Lohnes aber in vielleicht nur 4 Stunden erreicht. Diese erste Periode beschreibt Marx als notwendige Arbeitszeit. Hier erzeugt der Arbeiter oder die Arbeiterin Werte, die dem Wert der für die Reproduktion ihrer Arbeitskraft erforderlichen Existenzmittel entsprechen. Aber nachdem die Arbeiter den Wert ihres Lohnes erreicht haben, hören sie nicht einfach auf zu arbeiten, sondern machen bis zum Ende seines Achtstundentages weiter. Diese zusätzliche Zeit, die über den notwendigen Teil hinausgeht, wird als Mehrarbeitszeit bezeichnet. Hier schaffen die Arbeiter den Mehrwert für den Kapitalisten. Diese vier Stunden Zeit sind unbezahlte Arbeit und der Ursprung der Profite der Kapitalisten.

Die Rohstoffe, Werkzeuge usw., die in der Produktion von Waren verbraucht werden, generieren keinen neuen Wert, sondern übertragen lediglich ihren bestehenden Wert auf das neue Produkt. Das beinhaltet auch den Verschleiß von Maschinen, die ihren Wert nur allmählich abgeben, was als Abschreibung bezeichnet wird. Die Arbeit (und die Natur) ist die Quelle allen neuen Wertes, einschließlich des Mehrwerts. Eine Maschine erhöht nur die Produktivität menschlicher Arbeitskraft, was es den Arbeitern ermöglicht, in einer bestimmten Zeit mehr zu produzieren. Dennoch ist es nicht die Maschine, die neue Werte schafft, sondern die Arbeit der Arbeiter und Arbeiterinnen.

Jeder existierende Wert (aus früherer Arbeit), der in den Rohstoffen oder in Abnutzung und Verschleiß enthalten ist, wird auf die neue Ware, die vom Arbeiter produziert wird, übertragen. Dieser übertragene Wert wird von Marx als „tote Arbeit“ bezeichnet, im Gegensatz zum neuen Wert der hinzugefügt wird und den Marx „lebendige Arbeit“ nennt. Er vergleicht sie mit einem blutsaugenden Vampir. „Das Kapital ist verstorbne Arbeit, die“, so Marx, „sich nur vampyrmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.“ (Ebd. S. 247.)

Die übergeordnete treibende Kraft des Kapitalismus ist die Produktion von Mehrwert. Der Kapitalist ist entschlossen, auch noch den letzten Tropfen Profit aus der unbezahlten Arbeit der Arbeiterklasse herauszupressen. Er kombiniert hierfür verschiedene Dinge: Verlängerung des Arbeitstages, Beschleunigung der Maschinen, Einführung arbeitssparender Maschinen, Rationalisierung, Produktivitätsabkommen, neue Schichten, Zeit- und Bewegungsstudien, schlankere Produktionsverfahren usw. Mit einer ganzen Reihe dieser Möglichkeiten sind die ArbeiterInnen, vor allem in den letzten Jahren, sehr vertraut geworden.

Das vom Kapitalisten investierte Gesamtkapital wurde von Marx in zwei Teile geteilt. Das aus Produktionsmittel, Rohmaterialien, Energie usw. bestehende Kapital gilt als konstantes Kapital, da es nur seinen Wert auf die neue Ware überträgt. Der Wert, den sie abgeben, ist festgelegt. Dagegen gilt das Kapital, das durch die Arbeitskraft (sprich die Lohnkosten) repräsentiert wird, als variables Kapital, da es die Quelle neuen Mehrwerts ist. Die Menge an Wert, die es abgibt, ist nicht festgelegt, sondern erweiterbar, und deshalb heißt es variabel.

Daher kann das Gesamtkapital als c+v dargestellt werden, wobei c das Konstante und v das variable Kapital darstellt. Daraus folgt, dass der Gesamtwert aller Waren aus c+v+m zusammengesetzt ist, wobei m den Mehrwert bezeichnet. Während des Produktionsprozesses werden Mehrwerte (m) geschaffen. Nachdem der Mehrwert in der Ware „eingesperrt“ ist, kann der Kapitalist diesen Mehrwert nur erhalten, oder realisieren, wenn die Waren auf dem Markt verkauft werden. Somit wird der Mehrwert zwar in der Produktion geschaffen, kann aber nur durch den Tausch auf dem Markt realisiert werden. Wenn eine Ware nicht verkauft werden kann, kann sie ihren Mehrwert nicht realisieren und ist daher nutzlos.

Die Kapitalistenklasse zwingt die Arbeiterklasse, mehr Arbeit zu leisten, als für ihre Reproduktion notwendig ist, und schafft so Mehrwert. Die Kapitalisten streben stets danach, die Mehrwertrate zu erhöhen, d.h. die Höhe des Mehrwerts, der für eine bestimmte Menge gekaufter Arbeitskraft erzeugt werden kann. Die Mehrwertrate kann als Verhältnis von Mehrarbeit zu notwendiger Arbeit oder als m/v ausgedrückt werden. Anders ausgedrückt ist es das Ausmaß der Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital, der Arbeiter durch den Kapitalisten.

Der Druck der Kapitalisten erhöht diese Ausbeutungsrate, indem der Arbeitstag durch Überstunden und Schichtarbeit verlängert wird. Viele Branchen arbeiten rund um die Uhr und zwingen ihre Mitarbeiter, diesem Beispiel zu folgen. Arbeit ist zwar die Quelle allen Wertes, hat aber physische Grenzen für ihre Ausbeutung. Ein Arbeiter kann zwar 8, 10 oder 12 Stunden pro Tag arbeiten, aber er muss auch essen und schlafen, um am nächsten Tag wieder arbeitsfähig zu sein. Viele Arbeiter haben auch längere Anfahrtswege, was nochmal ein bis zwei Stunden zusätzlich ausmachen kann. Somit gibt es trotz dem Wunsch der Kapitalisten nach einer rund-um-die-Uhr-Produktion eine Grenze des Mehrwerts, der innerhalb von 24 Stunden physisch generiert werden kann. Dennoch hält der Kampf um die Verlängerung des Arbeitstages an. Eine solche Ausbeutung erzeugt nach Marx einen absoluten Mehrwert.

Da der Verlängerung des Arbeitstags Grenzen gesetzt sind, greifen die Kapitalisten auf weitere Möglichkeiten zurück, um die Arbeit zu intensivieren. Neue Maschinen werden eingeführt, um den Produktionsprozess zu beschleunigen. Die kontinuierliche Zunahme der Arbeitsintensität wird genutzt, um den Wert der Maschinen (konstantes Kapital) in kürzester Zeit zu reproduzieren. Die Arbeiter und Arbeiterinnen sind gezwungen, in kürzerer Zeit härter zu arbeiten. Marx nannte dies die Produktion des relativen Mehrwerts.

„Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß die Tendenz des Kapitals, sobald ihm Verlängrung des Arbeitstags ein für allemal durch das Gesetz abgeschnitten ist, sich durch systematische Steigrung des Intensitätsgrads der Arbeit gütlich zu tun und jede Verbeßrung der Maschinerie in ein Mittel zu größrer Aussaugung der Arbeitskraft zu verkehren, bald wieder zu einem Wendepunkt treiben muß, wo abermalige Abnahme der Arbeitsstunden unvermeidlich wird“, stellt Marx fest. (Ebd. S. 440.)

Die Kapitalisten werden den Arbeitstag jedoch niemals freiwillig verkürzen, weil sie niemals freiwillig auf ihren Mehrwert verzichten würden. Nur durch den Kampf der Arbeiterklasse kann das erreicht werden – es ist der Klassenkampf, der darüber entscheidet.

Natürlich versuchen die Kapitalisten, ihr Ausbeutungssystem zu verbergen. Sie behaupten, dass sie vielmehr die Arbeit der Arbeiter und nicht ihre Arbeitskraft kaufen würden, doch das ist nicht richtig. Die Kapitalisten würden keine Arbeiter beschäftigen, wenn sie nicht mit ihnen Profit machen könnten und die unbezahlte Arbeit der ArbeiterInnen ist der Ursprung des Profits. Sie zahlen daher weniger an Löhnen, als die ArbeiterInnen an Werten produzieren.

Der Umlauf von Geld als Kapital kann als G-W-G’ bezeichnet werden, bei dem Geldkapital (G) in Waren (W) umgewandelt wird, die dann wiederum für mehr Geld (G‘) verkauft werden. Das bezeichnet Marx als die „allgemeine Formel des Kapitals“, bei der G’ höher ist als G. Der Unterschied zwischen G’ und G, der vom Kapitalisten gewonnene Wert, ist der Mehrwert. Während die Ausbeutung im Feudalismus transparent ist, weil die Leibeigenen eine bestimmte Anzahl an Tagen kostenlos auf dem Land des Herren arbeiten, sind im Kapitalismus notwendige Arbeit und Mehrarbeit nicht zeitlich und räumlich getrennt und daher ist die Ausbeutung weniger offensichtlich. Dennoch ist die Ausbeutung dieselbe, aber die Art der Ausbeutung ist unterschiedlich.

Marx dazu: „Nur die Form, worin diese Mehrarbeit dem unmittelbaren Produzenten, dem Arbeiter, abgepreßt wird, unterscheidet die ökonomischen Gesellschaftsformationen, z.B. die Gesellschaft der Sklaverei von der der Lohnarbeit.“ (Ebd. S. 238.)

Produktive und unproduktive Arbeit

Wie wir sehen können, entsteht der Mehrwert in der Produktion, nicht in der Warenzirkulation. Durch die Ausbeutung der Arbeiterklasse im Produktionsprozess entsteht Profit. Welche Arbeit dabei konkret geleistet wird, ist irrelevant. Marx erklärt, dass der Kapitalist gar nicht an den verschiedenen Gebrauchswerten interessiert ist, die produziert werden. Ob sie Stifte, Schuhe, Autos oder Luxusjachten herstellen, spielt keine Rolle. Für den Kapitalisten sind sie nur Mittel zum Zweck. Er interessiert sich nur für den Tauschwert und damit für den Mehrwert, den er beim Verkauf der Ware realisieren kann. Die ganze Basis der kapitalistischen Produktion ist die Produktion von Mehrwert. Marx kommt daher zu dem Schluss, dass im Rahmen des Profitsystems „nur Arbeit die Mehrwert produziert produktive Arbeit ist“.

Ob Arbeiter greifbare Dinge produzieren oder nicht, ist ebenfalls unwichtig, solange ihre Arbeit Mehrwert schafft. „Ein Schriftsteller ist ein produktiver Arbeiter, nicht insofern er Ideen produziert, sondern insofern er den Buchhändler bereichert, der den Verlag seiner Schriften betreibt, oder sofern er der Lohnarbeiter eines Kapitalisten ist“, erklärt Marx. (Karl Marx: Theorien über den Mehrwert, S. 128.)

Mehrwert kann sich auch aus einer Dienstleistung ergeben, je nachdem wie die Ausbeutung stattfindet. Eine Ärztin oder ein Pfleger, die für eine profitorientierte Privatklinik arbeiten, die zwar keine materiellen Dinge an sich produziert, aber eine Dienstleistung, erzeugen ebenfalls Mehrwert. Die Opernsängerin wird für den Theaterbesitzer ebenfalls Mehrwert produzieren, vorausgesetzt, sie erhält nur den Wert ihrer Arbeitskraft. Die Einkünfte aus den Ticketverkäufen werden größer sein als die Löhne der KünstlerInnen. In diesem Fall wird die Opernsängerin im Kapitalismus als „produktiv“ eingestuft. Es macht keinen Unterschied, ob das Produkt nur für ein paar Sekunden besteht oder nicht.

Geld und Kredit

Mit der Entwicklung von Tausch und Handel ist eine spezielle Ware entstanden, um diesen Prozess zu erleichtern: Das Geld. Zu jedem Zeitpunkt ist eine bestimmte Geldmenge nötig, um die produzierten Waren in Umlauf zu bringen. Hier sehen wir die Bedeutung des Geldes, das Marx als „allgemeines Äquivalent“ bezeichnet hat. Obwohl der Wert einer Ware durch die Arbeitskraft bestimmt wird, messen wir ihn in Geld. Der Preis ist der Geldausdruck des Tauschwerts.

Das Geld ist historisch entstanden und hat viele Formen angenommen: Sklaven, Vieh, Edelmetalle. Geld ist dem Naturaltausch, einer primitiven Form des Tausches, klar überlegen. Das allgemeine Äquivalent – Geld – kann einfach genutzt werden, um eine Ware gegen eine andere zu tauschen. In der Vergangenheit wurden Gold und Silber als Geld genutzt. Natürlich haben Gold und Silber auch einen eigenen Wert, der, wie bei allen Waren, von der Menge an Arbeit abhängt, die für ihre Produktion gesellschaftlich notwendig ist. Geld (oder Währung) wurde zunehmend in Edelmetallen ausgedrückt: Kupfer, Bronze, Silber und Gold. Das macht den Tausch bzw. die Warenzirkulation möglich. Als Geld aus Goldmünzen bestand, gab die britische Regierung Goldmünzen mit dem Nominalwert Pfund heraus.

Das Geld ist ein Wertmaß, bei dem Waren als Menge oder als bestimmtes Gewicht eines Edelmetalls ausgedrückt werden. Es wird zum universellen Zahlungsmittel. Es kann angehäuft werden, als Zeichen des Reichtums eines Individuums, oder auch als Reserve oder Wertspeicher dienen. Das Gold sticht historisch als die universelle Ware heraus – es ist viel einfacher zu handhaben, zu tragen und zu lagern als andere Waren, ist außerdem teilbar und nicht verderblich.

In jüngerer Zeit wurde das Geld auch als Papierwährung dargestellt, nämlich durch Zusagen der Zentralbanken, den auf ihren Banknoten stehenden Betrag zu zahlen. „Ich verspreche, den Inhaber zu bezahlen“, steht auf den Geldscheinen der Bank von England, obwohl sie das längst nicht mehr macht. Die Währung ist nicht länger durch Gold in den Banken gedeckt. Heute haben wir Geld ohne Edelmetalldeckung, das keinen vergegenständlichten Wert hat, sondern durch die Autorität der Staaten gedeckt wird. Diese eigentlich wertlosen Papierzettel fungieren nur so lange als Werte, wie der Staat als Bürge fungiert. Sie sind gesetzliches Zahlungsmittel.

Diese Geldzeichen stehen dem Besitzer einen bestimmten Anteil am gesellschaftlichen Reichtum zu. Wenn 10 davon ausgegeben werden, die zusammen der Größe des „nationalen Kuchens“ entsprechen, dann hat man mit einem Geldzeichen den Anspruch auf einen Anteil von 10 Prozent. Wenn aber mehr von ihnen ausgegeben werden, der Kuchen jedoch nicht größer wird, wertet man klarerweise die Währung ab.

Papiergeld erleichtert es erheblich, die Währung zu manipulieren. Wenn zwei Banknoten in Umlauf gebracht werden, wo zuvor nur eine existiert hat, verdoppeln sich die Preise (unter der Voraussetzung, dass alle anderen Umstände gleich bleiben). Das stellt eine Abwertung dar. Regierungen versuchen sich davor zu schützen, indem sie einer Zentralbank das alleinige Recht geben, Geld zu drucken. In der Vergangenheit haben Staaten eine Treuhandwährung reguliert, bei der die zirkulierenden Banknoten zum Teil durch Bankreserven gedeckt waren. Sobald dieser Anteil überstiegen wird, kommt es zu einem Wertverlust der Währung. Letztendlich blieb Gold das einzige universelle Äquivalent am Weltmarkt. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Dollar zur internationalen Reservewährung, da dies durch die riesigen Goldreserven in Fort Knox gedeckt war. Obwohl das immer noch eine gewisse Bedeutung hat, wurde dies durch die Abschwächung der amerikanischen Wirtschaft und die nach der Finanzkrise 1971 eingeführten „schwankenden“ Wechselkurse untergraben.

Mit dem Geld kam der Kredit. Anstatt riesige Mengen Gold von einem Land ins andere zu transportieren, um Waren zu bezahlen, entstand ein Kreditsystem, das solche mühsamen und gefährlichen Transaktionen unnötig machte. Im 18. Jahrhundert erklärte der Ökonom Richard Cantillon folgendes:

„Wenn England Frankreich zur Begleichung der Handelsbilanz 100.000 Unzen Silber schuldet, und Frankreich Holland 100.000, Holland wiederum ausstehende 100.000 Unzen bei England im Buch stehen hat, können alle drei Summen durch Wechsel zwischen den jeweiligen Banken der Staaten beglichen werden, ohne Silber zu versenden.” (Richard Cantillon: Essay on the Nature of Commerce in General, Ch. 3, eigene Übersetzung.)

Kredite wurden zu einem wichtigen Schmiermittel für die Entwicklung des Kapitalismus. Ohne Kredit müssten die Kapitalisten Gelderspartes behalten, um ihre Transaktionen zu finanzieren; sonst würden die Fabriken stillstehen und in jeder Phase, bei Produktion, Verteilung und Verkauf, auf Geld warten. Kein Kapitalist will, dass sein Geld irgendwo gebunden ist. Die Banken stellen diese Kredite gegen Einhebung von Zinsen zur Verfügung. Dieser Prozess spiegelt die Fusion von Finanzkapital mit Industriekapital wider.

Banken halten Einlagen, verleihen diese – und über sie hinaus – jedoch weiter und lagern davon nur so viel physisch ein, wie sie brauchen, um normale Abhebungen bedienen zu können. Für sie ist es umso besser, je weniger brach liegendes Geld sie in ihren Tresoren haben. Ihre Profite sind dabei lediglich ein Teil des Mehrwerts, der von Finanziers und Bankern aus der Produktion abgezogen wird. Die Aufgabe der Banken und Finanzhäuser ist es, den in der Produktion geschaffen Mehrwert in ihre Kassen umzuverteilen. In vielerlei Hinsicht ähneln sie den alten Zollschrankenbesitzern, die Geld für das Öffnen und Schließen einer Schranke verlangten, aber gesellschaftlich völlig unproduktiv waren. Das zeigte sich im Finanzcrash 2007, als sich herausstellte, dass sich die Banken übernommen hatten und ihre Kreditvergabe in einigen Fällen das 50-fache ihrer gesamten Reserven betrug. Auch wenn die Bankenliquidität bestimmten Regeln unterliegt, die von ihnen verlangen, einen fixen Bestandteil ihres Bargelds in Reserve zu halten, war es ihnen möglich, dies durch „außerbudgetäre Buchhaltung“ und andere Methoden zu umgehen. Schattenbanken wurden aufgebaut, um diese Einschränkungen zu umgehen. Aber sobald es zu einem Vertrauensverlust und in weiterer Folge zu einem Ansturm auf die Banken kommt, bricht das Ganze in sich zusammen. Die Banken gehen bankrott. Der Staat muss einspringen, um sie zu retten, wie es in jüngster Zeit der Fall war.

Das Geld besteht in der heutigen Gesellschaft nicht nur einfach aus Banknoten und Münzen, sondern auch aus Kreditkartenzahlungen und Online-Verkäufen, was zu einer eigenen Buchhaltungsübung geworden ist.

Der Kredit erlaubt dem Kapitalismus, über seine Grenzen hinaus zu gehen. Das kann unglaubliche Vorteile haben, aber es birgt auch enorme Gefahren. Banken müssen Geld nicht real drucken, sie können einfach mehr Überziehungskredite zuweisen. Quantitative Easing bezeichnet die Schaffung von elektronischem Geld durch die Zentralbanken2. Spekulationsblasen entstehen, die zu Schwankungen führen und schließlich zusammenbrechen. Die Tulpenmanie3 und der Südseeschwindel4 sind Beispiele für solche Spekulationsblasen. Heute haben wir Derivate, SIVs (strukturierte Anlageprodukte) und CDOs (besicherte Schuldtitel) und andere seltsame Konstrukte, die Warren Buffet als finanzielle „Massenvernichtungswaffen“ beschrieb. Marx bezeichnet diese Dinge als „fiktives Kapital“, das keinen realen Wert hat und kein reales Vermögen widerspiegelt. Dennoch ermöglicht das fiktive Kapital seinem Besitzer einen Anteil am gesellschaftlichen Mehrwert; aber im Gegensatz zu einer Fabrik existiert es nur am Papier. Marx erklärte, dass die Kapitalisten versuchen, ihre Profite immer weniger aus der realen Produktion zu generieren und sich stattdessen zunehmend der Spekulation zuwenden. Das entspricht dem Wunsch, Geld mit Geld zu verdienen, ohne dabei die Mühe der Produktion auf sich zu nehmen. Aber Spekulation schafft keinen Mehrwert, sondern verteilt lediglich den in der Produktion geschaffenen Mehrwert neu.

Wettbewerb und Akkumulation

Die von Marx verwendeten ökonomischen Kategorien werden von den bürgerlichen Ökonomen natürlich pauschal abgelehnt. Ihre Rolle ist, die bestehende Ausbeutung zu verschleiern und zu vertuschen. Die Konzepte von Marx sind für sie ein Gräuel.

Durch den Wettbewerb ist der Kapitalist gezwungen zu investieren, um seine Waren billiger produzieren zu können als die Konkurrenz. In den Händen der Kapitalisten wird Geld angehäuft (akkumuliert), um zu noch mehr Geld zu werden. Das ist sein Sinn und Zweck. Kapital ist daher sich selbst verwertender Wert. Akkumulation ist im Kapitalismus ein zwingendes Gesetz. Kapitalismus wurde zur „Akkumulation um der Akkumulation willen“, erklärte Marx. Oder um es anders auszudrücken: „Produktion um der Produktion willen“. Die Industrien, in denen die Arbeitsproduktivität unter dem Durchschnitt liegt, werden von denen verdrängt, die die neuesten Methoden und Techniken verwenden. Auf diese Weise erhöht die Einführung von Maschinen die Arbeitsproduktivität und reduziert dadurch die notwendige Arbeitszeit (bei gleichzeitiger Erhöhung der Mehrarbeitszeit). Es erlaubt denen, die neue Techniken einführen, ihre Waren über ihrem eigenen Wert (den Kosten der Arbeitszeit, die es braucht, um sie zu produzieren) aber unter den durchschnittlichen Kosten zu verkaufen, wodurch Extraprofite erzielt werden können.

Der Industriestandard bestimmt den Anteil der verwendeten Produktionsmittel und der beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen. Mit anderen Worten, das Kapital eines Unternehmens entspricht einem bestimmten Verhältnis von konstantem und variablem Kapital. Mit steigenden Investitionen steigt die Arbeitsproduktivität, so dass die Arbeiter in der gleichen Zeit mehr produzieren. Das bedeutet, dass den Arbeitern mehr Maschinen zur Seite stehen, und somit wächst das konstante Kapital im Verhältnis zum variablen Kapital stärker. Das ist eine unvermeidliche Entwicklung der Akkumulation des Kapitals. Marx bezeichnet das als steigende organische Zusammensetzung des Kapitals, definiert als c/v – das Verhältnis zwischen konstantem und variablem Kapital, das der Kapitalist im Produktionsprozess einsetzt.

Durch Wettbewerb zerstört größeres kleineres Kapital, was zu einer steigenden Konzentration und Zentralisation des Reichtums und der Industrie führt. Dieser Prozess führt zur Entstehung riesiger Unternehmen mit modernster Ausrüstung und Technik. Während der Chemiekonzern ICI in der Vergangenheit rund 2 Millionen Pfund für eine Anlage ausgeben musste, sind es heute bereits um die 600 Millionen. Diese Akkumulation von Kapital spiegelt die historische Mission des Kapitalismus wider, die Produktivkräfte zu entwickeln. In den USA, wo dieser Prozess am weitesten fortgeschritten ist, machen die 500 größten Monopole 2010 73,5% der gesamten BIP-Produktion aus. Wenn diese 500 Unternehmen einen unabhängigen Staat gründen würden, so wäre das die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. 2011 haben diese 500 Firmen ihren bis dahin größten Profit gemacht: 4.824,5 Milliarden US-Dollar – was einer Steigerung von 16% gegenüber 2010 entspricht. Weltweit hatten die 2.000 größten Unternehmen Einnahmen von 32 Billionen US-Dollar, davon 2,4 Billionen Gewinn, 138 Billionen Vermögen und 38 Billionen Marktwert, wobei die Gewinne zwischen 2010 und 2011 um erstaunliche 67% stiegen. Die treibende Kraft kapitalistischer Produktion ist nicht die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, sondern die stets wachsende Produktion von Mehrwert, von dem ein großer Teil akkumuliert und wieder neuen Produktionsmitteln zugeführt werden muss.

Dieser Drang nach immer stärkerer Monopolisierung führt aber zu einem relativen Rückgang von variablem Kapital (Arbeitskraft) im Verhältnis zu konstantem Kapital (Produktionsmittel, Rohstoffe, …), was dazu führt, dass auf jeden einzelnen Arbeiter immer mehr Investitionen fallen. Das hat gewisse negative Folgen.

In letzter Konsequenz hängt die Höhe des von den Kapitalisten erzielten Mehrwerts von zwei Dingen ab: der Mehrwertrate und der Anzahl der beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen. Die Einführung von Maschinen verringert zumeist die Anzahl der benötigten Arbeiter und verändert damit das Verhältnis zwischen variablem und konstantem Kapital, d.h. die Beziehung zwischen toter und lebendiger Arbeit. Maschinen dienen dazu, Arbeiter aus den Fabriken zu verdrängen. Das führt jedoch bei ansonsten gleichbleibenden Bedingungen zwangsläufig dazu, dass die Profitrate sinkt. „Es liegt also in der Anwendung der Maschinerie zur Produktion von Mehrwert ein immanenter Widerspruch“, erklärt Marx. (Karl Marx: Das Kapital. Erster Band, S. 429.)

Die Profitrate

Wie bereits erklärt, entstammt der Profit dem variablen Teil des Kapitals, der Arbeitskraft, da der konstante Teil des Kapitals nur seinen eigenen Wert auf das Endprodukt überträgt. Mit der Entwicklung des Kapitalismus investieren die Kapitalisten immer größere Mengen von Kapital. Aber mit zunehmendem technologischem Fortschritt fließt ein immer größerer Anteil in konstantes Kapital und der Anteil des variablen Kapitals nimmt ab. Da jedoch mit dem variablen Kapital die Profite gemacht werden, ist das Ergebnis dessen eine sinkende Profitrate.

Während die Mehrwertrate das Verhältnis zwischen dem neu geschaffenen Mehrwert und dem bezahlten variablen Kapital misst, misst die Profitrate das Verhältnis zwischen dem Profit des Kapitalisten und dem Gesamtkapital, das er für die Produktion aufbringen musste. Das wird als Rendite bezeichnet.

Wenn wir als Beispiel eine Volkswirtschaft annehmen, in der das Gesamteinkommen pro Jahr 50 Millionen Pfund beträgt, setzt sich dies aus c  +  v  +  m (konstantes Kapital, variables Kapital, Mehrwert) zusammen. In Zahlen könnte das folgendermaßen aussehen: c  =  10  Mio.£, v  =  20  Mio.£, m  =  20Mio.£. Die Ausbeutungsrate in dieser Wirtschaft beträgt daher m/v oder 20/20  =  100%.
Die Profitrate ist jedoch das Verhältnis zwischen Mehrwert und Gesamtkapital: m/(c  +  v), 20/(10  +  20), oder knapp 67%. Das misst die Profitabilität der Investitionen der Kapitalisten.

Wenn der Kapitalist nun 10  Mio.£ in neue Maschinen und Geräte investiert, bedeutet das, dass sich das konstante Kapital (c) auf 20  Mio.£ pro Jahr verdoppelt. Wir nehmen an, die Ausbeutungsrate bleibt gleich. Dann sinkt die Profitrate: 20/(20  +  20)  =  50%. Die organische Zusammensetzung des Kapitals ist gestiegen, was dazu führt, dass die Profitrate fällt. Das ist eine allgemeine Tendenz im Kapitalismus, da sich das System erweitert und die Arbeitsproduktivität steigt.

An einer Stelle beschreibt Marx diesen tendenziellen Fall der Profitrate als „in jeder Beziehung das wichtigste Gesetz der modernen politischen Ökonomie“ (Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, S. 641.). Später ändert er diese Ansicht und spricht von einem Gesetz von „großer Bedeutung“. Die Betonung hat sich deutlich geändert. Aber in beiden Fällen hat Marx dieses Gesetz bzw. diese Tendenz nie als absolutes Phänomen betrachtet.

Jeder Kapitalist ist bestrebt, die Produktivität seiner Arbeitskräfte zu erhöhen, nämlich in einem bestimmten Zeitraum mehr zu produzieren. Wenn das so ist, warum sinkt die Profitrate dann nicht permanent? Wie war es dem Kapitalismus möglich, dieses inhärente Problem zu umgehen?

„Es müssen gegenwirkende Einflüsse im Spiel sein, welche die Wirkung des allgemeinen Gesetzes durchkreuzen und aufheben und ihm nur den Charakter einer Tendenz geben, weshalb wir auch den Fall der allgemeinen Profitrate als einen tendenziellen Fall bezeichnet haben“, sagt Marx. (Karl Marx: Das Kapital. Dritter Band, S. 242.)

Marx erklärt, dass dieses „zweischneidige Gesetz“ vielmehr eine Tendenz ist, die ihre eigenen entgegenwirkenden Tendenzen hervorruft und unter bestimmten Bedingungen sogar dazu führen kann, dass die Profitrate steigt.

Mit diesen entgegenwirkenden Faktoren beschäftigt er sich in Kapitel 14 des dritten Bandes des Kapitals, wo er eine Reihe von Faktoren umreißt, die dazu beitragen, dieses Gesetz zu modifizieren.
Diese im Kapital beschriebenen entgegenwirkenden Ursachen umfassen:

  • die Erhöhung des Exploitationsgrads der Arbeit,
  • das Herunterdrücken des Arbeitslohns unter seinen Wert,
  • die Verwohlfeilerung der Elemente des konstanten Kapitals,
  • die relative Überbevölkerung,
  • der auswärtige Handel, und
  • die Zunahme des Aktienkapitals: „theoretisch betrachtet, kann man sie einrechnen“

Marx wies darauf hin, dass die Intensivierung der Ausbeutung („relativer Mehrwert“) die Profitrate wiederherstellen kann. Wir konnten diesen Effekt in den letzten drei Jahrzehnten deutlich in der Offensive der Arbeitgeber beobachten und alle Arbeiter und Arbeiterinnen können ein Lied davon singen. Die Kapitalisten haben versucht, ihre Gewinnspannen zu erhöhen, indem sie noch das kleinste bisschen Mehrwert aus der Arbeiterklasse herauspressen. Globalisierung und der Einsatz von Arbeitsmigration waren Mittel, um die Löhne zu verringern, die in vielen Fällen unter dem Wert der Arbeitskraft liegen. Das sieht man auch in den verschiedenen Sweatshops, die es weltweit gibt, in denen von Schuhen bis Kleidung alle möglichen Waren für multinationale Unternehmen hergestellt werden. Dort werden den Arbeitern und Arbeiterinnen alle Rechte genommen, sie werden unter dem Existenzminimum bezahlt und wie Vieh behandelt. Diese Methoden gehen Hand in Hand mit einer gleichzeitigen Massenarbeitslosigkeit, die die Löhne ebenfalls nach unten drückt.

Die Öffnung der ehemaligen Sowjetunion und Chinas für den Kapitalismus haben diesem durch die Möglichkeit der immer billigeren Versorgung mit Waren, einschließlich Maschinen, einen enormen Schub verliehen. Der Preis von Computern und all ihren Komponenten ist massiv gefallen, so wie auch der von Handys und anderen Elektronikartikeln. Ihre Produktionskosten sind gefallen, weil ihre Produktion weniger Arbeitszeit bedarf. Diese Verbilligung unterschiedlicher Elemente des konstanten Kapitals ist ein Merkmal der aktuellen Periode und hat dazu beigetragen, die Profitraten von einem historischen Tief wieder zu steigern. Dieser Prozess hat sowohl von der Globalisierung, als auch von der Öffnung neuer, sowie verstärkter Ausbeutung der bestehenden Märkte profitiert. Die Privatisierung staatlicher Unternehmen und Versorgungseinrichtungen stellte eine Goldgrube für multinationale Unternehmen und Finanzriesen dar, die sich über die Welt erstrecken und aus allen Winkeln Mehrwert herauspressen.

Der Anteil der Arbeit am Nationaleinkommen fällt seit 1980 in allen wichtigen kapitalistischen Volkswirtschaften (OECD). In den USA ist die Kluft besonders groß, wo die Produktivität zwischen 1973 und 2007 um 83% gestiegen ist, die mittleren Reallöhne von Männern aber nur um 5%. Der Anteil des US-Nationaleinkommens, das auf Löhne fällt, ist seit Beginn der Aufzeichnungen nach dem Zweiten Weltkrieg auf seinen niedrigsten Stand gesunken. Die Produktion des relativen Mehrwerts ist ein Prozess der schrittweisen Verbilligung von Waren, wobei die neuen Waren weniger Wert enthalten als die zuvor. Eine größere Menge von Gebrauchswerten wird in einem kleineren Gesamtwert ausgedrückt.

Daher ist der tendenzielle Fall der Profitrate auch nur eine Tendenz, die sich über die gesamte Geschichte der kapitalistischen Entwicklung manifestiert. „So wirkt das Gesetz nur als Tendenz, dessen Wirkung nur unter bestimmten Umständen und im Verlauf langer Perioden schlagend hervortritt.”, erklärt Marx (Ebd. S. 249.). Somit kann es lange Zeiträume, ja sogar Jahrzehnte geben, in denen der tendenzielle Fall der Profitrate durch die oben genannten entgegenwirkenden Faktoren aufgehoben wird. Diese können die Tendenz durchbrechen und sogar umkehren, allerdings nicht für immer.

In seinem 1987 verfassten Buch The Current Crisis veröffentlicht Mark Glick die folgenden Zahlen für die langfristige Entwicklung der Profitrate in den USA:

1899 – 22%
1914-18 – 18%
1921 – 12%
1929 – 17%
1932 – 2%
1939 – 7%
1945 – 23%
1948 – 17%
1965 – 18%
1983 – 10%

Diese Zahlen zeigen, dass die Profitrate, wenn man sie von einem breiten historischen Gesichtspunkt aus betrachtet und von den unvermeidlichen zyklischen Schwankungen absieht, heute niedriger ist als vor 100 Jahren. Und dennoch hatte sich diese Tendenz für eine ganze Periode verkehrt.

Letztendlich wird sich diese Abwärtstendenz unweigerlich wieder durchsetzen und als weiteres Hindernis für die Entwicklung des Kapitalismus wirken. Aber die Krise des Kapitalismus kann nicht einfach nur durch den tendenziellen Fall der Profitrate erklärt werden. Die kapitalistische Krise einfach nur einer sinkenden Profitrate zuzuschreiben entspricht weder der Theorie noch den Fakten. Rosa Luxemburg verspottete diejenigen, die glaubten, der Kapitalismus würde zusammenbrechen, sobald die Profitrate auf Null fällt: „Es hat mit dem Untergang des Kapitalismus am Fall der Profitrate noch gute Wege, so etwa bis zum Erlöschen der Sonne.“ (Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals, S. 446, Fußnote.)

Die Kapitalisten können, wie wir gesehen haben, sinkende Profitraten jedoch sehr lange überstehen. Was sie sich allerdings nicht leisten können, ist wenn die Profitmasse sinkt. Das geschah Ende 2008, was zum größten Abschwung seit den 1930er Jahren führte.

Krise und Überproduktion

In unserer Epoche des Monopolkapitalismus werden die Gesetze, nach denen das System funktioniert, zunehmend verdreht und verzerrt. Die Monopole schaffen den Wettbewerb nicht ab, sondern verdrehen und verbiegen ihn. Die Macht der Monopole verzerrt den Markt, indem sie das Angebot einschränken und Preisabsprachen treffen. Auch wenn der Kapitalismus chaotisch scheint, so ist er doch kein vollständiges Chaos. Tatsächlich wirken seine Gesetze durch und in der Anarchie der Produktion, wie Engels erklärte.

Der Kapitalismus durchläuft periodische Krisen – Aufschwung und Abschwung. Diese gab es im kapitalistischen System immer schon und sie sind in der Tat einzigartig für dieses System. Die Idee, dass der Kapitalismus ein Gleichgewichtssystem (und keines von periodischen Krisen) ist, wurde zuerst von Jean Baptiste Say („Say‘sches Gesetz“) vertreten. In jüngerer Vergangenheit findet es sich in der „Markteffizienzhypothese“ wieder, aber beide haben sich als völlig falsch erwiesen. Die Vorstellung, dass „das Angebot seine eigene Nachfrage schafft“ war – und ist – völlig unzutreffend. Die Marktwirtschaft ist kein sich selbst regulierendes System, wie man einst dachte. Das zeigt sich heute deutlich an der Massenarbeitslosigkeit und der tiefgreifenden Krise. Alle Versuche, den Zyklus aus Aufschwung und Abschwung abzuschaffen, sind kläglich gescheitert.

Die periodischen Krisen des Kapitalismus sind Überproduktionskrisen von sowohl Konsum- als auch Investitionsgütern, die für die kapitalistische Produktion verwendet werden. Es handelt sich also nicht einfach nur um die Überproduktion von Kapital, sondern auch um die von Waren. Beides geht Hand in Hand. Überproduktion entsteht durch die Widersprüche der Marktwirtschaft und die Teilung der Gesellschaft in sich feindlich gegenüberstehende Klassen. In letzter Instanz kann sich die Arbeiterklasse, die alle Werte produziert, diese nicht zurückkaufen. Das wird ab einem bestimmten Punkt zu einem Hindernis für die weitere wirtschaftliche Entwicklung und führt zu einer Überproduktionskrise.

Engels erklärt das im Anti-Dühring:

„Die enorme Ausdehnungskraft der großen Industrie, gegen die diejenige der Gase ein wahres Kinderspiel ist, tritt uns jetzt vor die Augen als ein qualitatives und quantitatives Ausdehnungsbedürfnis, das jedes Gegendrucks spottet. Der Gegendruck wird gebildet durch die Konsumtion, den Absatz, die Märkte für die Produkte der großen Industrie. Aber die Ausdehnungsfähigkeit der Märkte, extensive wie intensive, wird beherrscht zunächst durch ganz andre, weit weniger energisch wirkende Gesetze. Die Ausdehnung der Märkte kann nicht Schritt halten mit der Ausdehnung der Produktion. Die Kollision wird unvermeidlich, und da sie keine Lösung erzeugen kann, solange sie nicht die kapitalistische Produktionsweise selbst sprengt, wird sie periodisch. Die kapitalistische Produktion erzeugt einen neuen ‚fehlerhaften Kreislauf‘.“ (Friedrich Engels: Anti-Dühring, S. 257.)

Er beschreibt daraufhin eine Krise, in der alle Produktions- und Zirkulationsgesetze auf den Kopf gestellt werden. Geld, das Zirkulationsmittel, wird jetzt ein Hindernis der Zirkulation. Die Faktoren, die eigentlich einen Aufschwung förderten, wandeln sich nun in ihr Gegenteil.

„Der Verkehr stockt, die Märkte sind überfüllt, die Produkte liegen da, ebenso massenhaft wie unabsetzbar, das bare Geld wird unsichtbar, der Kredit verschwindet, die Fabriken stehn still, die arbeitenden Massen ermangeln der Lebensmittel, weil sie zuviel Lebensmittel produziert haben, Bankrott folgt auf Bankrott, Zwangsverkauf auf Zwangsverkauf. Jahrelang dauert die Stockung, Produktivkräfte wie Produkte werden massenhaft vergeudet und zerstört, bis die aufgehäuften Warenmassen unter größerer oder geringerer Entwertung endlich abfließen, bis Produktion und Austausch allmählich wieder in Gang kommen. […] Und so immer von neuem.“ (Ebd.)

Die Produktivkräfte sind über die engen Grenzen des Privateigentums und des Nationalstaates hinausgewachsen.

„Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen?“, fragen die Autoren des Manifests der Kommunistischen Partei. „Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; anderseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter Märkte. Wodurch also? Dadurch, daß sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.“

Diese Zeilen sind auch heute noch so relevant wie vor über 160 Jahren, als sie erstmals niedergeschrieben wurden. Die letztendliche Ursache der kapitalistischen Krise ist die Überproduktion. Die Arbeiterklasse kann sich das Gesamtprodukt ihrer Arbeit nie zurückkaufen.

Die Kapitalisten können nicht einfach die Löhne auf ein Niveau heben, bei dem der Mehrwert verschwindet, weil der Kapitalismus überhaupt nur dafür da ist, Mehrwert in der größtmöglichen Menge zu generieren. Wenn unter gleichbleibenden Bedingungen die Löhne der Arbeiterklasse steigen, sinken die Profite der Kapitalisten, was zu einem Rückgang der Investitionen führt.

Das System befindet sich allerdings nicht zu jedem Zeitpunkt in einer Krise. Vorübergehend funktioniert es und zwar durch die Interaktion der beiden „Abteilungen“ der Wirtschaft: der Produktion von Konsumgütern und der Produktion von Investitionsgütern (der Produktionsmittel). Die Kapitalisten können die Widersprüche, mit denen sie konfrontiert sind, durch Investitionen überwinden, indem sie den Mehrwert, den sie aus der Arbeit der Arbeiterklasse gewonnen haben, in neue Produktionsmittel reinvestieren und dabei neue Märkte schaffen. Mit anderen Worten: Das Kapital erzeugt durch Investition seinen eigenen Markt und überwindet dadurch vorübergehend seine Widersprüche.

Aber für alles gibt es Grenzen. Diese Investitionen schaffen wiederum insgesamt größere Produktionskapazitäten und verschärfen die neue Überproduktionskrise, wenn sie letztendlich eintrifft. Ab einem gewissen Punkt kann der Markt die produzierten Waren nicht mehr aufnehmen und es folgt die Überproduktion. Die Märkte sind gesättigt und der Mehrwert, der in den Waren steckt, kann nicht realisiert werden. Die Fabriken schließen und Arbeiter und Arbeiterinnen verlieren ihre Arbeitsplätze. Hier gibt es kein Entrinnen. Die Reinvestitionen und die Ausdehnung des Marktes führen also nur dazu, dass die Bedingungen für eine noch tiefere, zukünftige Krise geschaffen werden.

Wie Marx erklärte:

„Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde.“ (Karl Marx: Das Kapital. Dritter Band, S. 501.)

„Die Bedingungen der unmittelbaren Exploitation und die ihrer Realisation sind nicht identisch“, erklärt Marx. „Sie fallen nicht nur nach Zeit und Ort, sondern auch begrifflich auseinander. Die einen sind nur beschränkt durch die Produktivkraft der Gesellschaft, die andren durch die Proportionalität der verschiednen Produktionszweige und durch die Konsumtionskraft der Gesellschaft.“ (Ebd. S. 254.)

Wir sprechen hier nicht von den Konsumbedürfnissen der Menschen, sondern von ihrer „Zahlungsfähigkeit“. Das wird bestimmt „durch die Konsumtionskraft auf Basis antagonistischer Distributionsverhältnisse, welche die Konsumtion der großen Masse der Gesellschaft auf ein [...] Minimum reduziert“, erklärt Marx. „Je mehr sich aber die Produktivkraft entwickelt, um so mehr gerät sie in Widerstreit mit der engen Basis, worauf die Konsumtionsverhältnisse beruhen.“ (Ebd. 254f.)

Marxismus und Keynesianismus

Theorien über „Unterkonsumtion“ werden oft mit Marx‘ Ideen verwechselt. Aber das ist nicht dasselbe. Auch wenn die Unterkonsumtion im Leben der Massen durchaus vorkommt, wie alle Arbeiter bezeugen können, ist sie doch nicht die direkte Ursache für die Krise des Kapitalismus. Wenn dem so wäre, dann steckte der Kapitalismus vom ersten Tag seiner Existenz an in einer permanenten Krise. Moderne „Unterkonsumtionstheorien“ werden eng mit John Maynard Keynes in Verbindung gebracht, der glaubte, das Problem der fehlenden „effektiven“ Nachfrage könnte durch staatliche Interventionen gelöst werden. Der Staat würde durch Defizitfinanzierung die Lücke schließen. Im Grunde sollte der Staat Menschen dafür bezahlen, dass sie Löcher graben und sie danach wieder auffüllen. Diese Arbeiter würden ihren Lohn dann ausgeben, somit eine neue Nachfrage schaffen und damit das Problem lösen. Doch diese Argumentation hat einen Haken: Die Unterkonsumtionstheorie übergeht die grundlegende Tatsache, dass die kapitalistische Produktion für den Profit und nicht für den Konsum stattfindet. Wenn es keinen Profit gibt, wird es keine Produktion geben. Die Diskrepanz zwischen den Produktionskapazitäten und der Kaufkraft der Massen wird es immer geben, solang für Profit produziert wird.

Marx hat dieses keynesianische Argument vor langer Zeit beantwortet:

„Es ist eine reine Tautologie zu sagen, daß die Krisen aus Mangel an zahlungsfähiger Konsumtion oder an zahlungsfähigen Konsumenten hervorgehn. Andre Konsumarten, als zahlende, kennt das kapitalistische System nicht [...]. Daß Waren unverkäuflich sind, heißt nichts, als daß sich keine zahlungsfähigen Käufer für sie fanden [...].

Will man aber dieser Tautologie einen Schein tiefrer Begründung dadurch geben, daß man sagt, die Arbeiterklasse erhalte einen zu geringen Teil ihres eignen Produkts, und dem Übelstand werde mithin abgeholfen, sobald sie größern Anteil davon empfängt, ihr Arbeitslohn folglich wächst, so ist nur zu bemerken, daß die Krisen jedesmal gerade vorbereitet werden durch eine Periode, worin der Arbeitslohn allgemein steigt und die Arbeiterklasse realiter größern Anteil an dem für Konsumtion bestimmten Teil des jährlichen Produkts erhält. Jene Periode müßte - von dem Gesichtspunkt dieser Ritter vom gesunden und “einfachen” (!) Menschenverstand - umgekehrt die Krise entfernen.“ (Karl Marx: Das Kapital. Zweiter Band, S. 409.)

Mit anderen Worten, die Löhne tendieren dazu, am Höhepunkt eines Booms zu steigen, wenn kurz vor einem bevorstehenden Einbruch der Konjunktur die Arbeitskräfte knapp werden. Daher kann die fehlende Nachfrage nur als ein Element, nicht aber als Ursache der Überproduktionskrise gesehen werden, wie die Keynesianer das glauben.

Der ganze Irrtum des Keynesianismus besteht in der Unfähigkeit zu verstehen, dass die Krise nichts Zufälliges oder außerhalb der Funktionsweise des Kapitalismus Liegendes ist, sondern aus den inneren Widersprüchen der kapitalistischen Produktionsweise selbst entspringt. Während die Kapitalisten versuchen, die Löhne so niedrig wie möglich zu halten, produzieren sie gleichzeitig so viel wie möglich für einen unbekannten Markt. Das ist vor allem am Höhepunkt eines Aufschwungs kurz vor dem Kriseneinbruch der Fall.

Auch wenn wir natürlich für höhere Löhne kämpfen, so bleibt die Idee, dass das die Krise des Kapitalismus lösen würde, dennoch falsch. Auf Grundlage des Kapitalismus führen höhere Löhne einfach nur zur Verringerung der Profite, was die Kapitalisten dazu bringt, ihre Investitionen und die Produktion zu verringern und damit die Krise zu verschärfen. Es ist unmöglich, aus dem Nichts Nachfrage zu generieren. Die Regeln des Kapitalismus basieren auf einem System der Produktion von Waren, darunter auch die Arbeitskraft.

In der falschen Vorstellung, die „Nachfrage“ zu managen, steckt natürlich auch ein Körnchen Wahrheit, aber es bleibt völlig einseitig. Es ist klar, dass die „Nachfrage“-Seite in der Krise fehlt; aber das ist nur die Kehrseite der Tatsache, dass die Arbeiterklasse nur einen Teil des Wertes dessen, was sie produziert, in Form von Löhnen erhält. Daher kann sie es sich nicht leisten, das Produzierte zurückzukaufen. Wie Marx hervorgehoben hat, ist die Frage nicht, warum es Krisen gibt, sondern warum es sich dabei nicht um eine permanente Krise handelt. Wie bereits erwähnt, ist die Antwort darauf die Aufteilung in zwei Sektoren: die Produktion von Konsumgütern und die Produktion der Produktionsmittel. So lange der Mehrwert aus der Arbeit der Arbeiterklasse in Industrie, Maschinen und Infrastruktur reinvestiert wird, kann sich das System weiterentwickeln, auch wenn das den Weg für eine neue, tiefere Krise in der Zukunft bereitet. Die ArbeiterInnen können nicht alle Waren zurückkaufen und daher ist das Reinvestieren des Mehrwerts in die Gesellschaft der Schlüssel für die kontinuierliche Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft. Aber dieser Prozess kann nicht für immer bestehen bleiben und erzeugt stattdessen neue Widersprüche.

Es ist auch völlig utopisch, den Staat aufzufordern, als Lösung für die Krise Nachfrage zu „schaffen“ oder die Wirtschaft „anzukurbeln“. Der Versuch, mit der Druckmaschine Geld zu „schaffen“, ohne dass dieses durch vermehrte Produktion gedeckt ist, führt nur dazu, dass die Inflation steigt und die Reallöhne der Arbeiter damit weiter sinken. Die einzige andere Möglichkeit für den Staat, seine Ausgaben zu erhöhen, ist es dafür mehr Steuern einzuheben. Aber die Steuern können nur entweder von den Kapitalisten oder von der Arbeiterklasse kommen. Die Kapitalisten zu besteuern bedeutet, ihre Profite zu verringern, was sie davon abhalten wird, mehr zu investieren. Die Arbeiterklasse zu besteuern wird ihren Konsum einschränken und dadurch die Nachfrage noch weiter reduzieren. Wenn sich der Staat Geld ausborgt, wird er es früher oder später zurückzahlen müssen – und das mit Zinsen. In letzter Konsequenz verstärken derartige „Lösungen“ einfach nur die Widersprüche des Kapitalismus und lösen sie nicht auf. Es ist das Dilemma des Kapitalismus, aus dem es keinen Ausweg gibt.

Mit der Abwendung vom Keynesianismus und der Rückkehr zu einer orthodoxen Wirtschaftswissenschaft gerät man nur vom Regen in die Traufe. Die Kapitalisten sind zumindest in Worten zu „soliden“ Budgets und der uneingeschränkten Herrschaft des Marktes zurückgekehrt. Das hat aber nur ein noch größeres Desaster vorbereitet. Die Hinwendung zur Laissez-Faire-Ökonomie ist nur ein Produkt der Sackgasse des Kapitalismus und keine Lösung für die Widersprüche, mit denen die herrschende Klasse konfrontiert ist.

Die marxistische Krisentheorie basiert auf einer Analyse unlösbarer Widersprüche: dem unbegrenzten Drang zu produzieren, der einzigartig für die kapitalistische Produktionsweise ist, kombiniert mit dem begrenzten Konsum der Massen, der sich aus ihrer gesellschaftlichen Lage ergibt. Infolgedessen gleicht der Kapitalismus einem Menschen, der den Ast absägt, auf dem er sitzt. Krisen sind dem Kapitalismus inhärent. Er schafft und zerstört gleichzeitig den Markt, indem er immer mehr Mehrwert aus der Arbeiterklasse herauspresst und dabei versucht, die Löhne so niedrig wie möglich zu halten. Das wiederum wird schließlich zu einem Hemmnis für die Ausdehnung des Marktes und damit für eine Realisierung des Mehrwerts. Das sehen wir deutlich in der gegenwärtigen Zeit der andauernden Sparpolitik.

Kapitalismus und Sozialismus

Der Kapitalismus ist ein krisengebeuteltes System, in dem sich das Wertgesetz durch Krisen geltend macht. Die Widersprüche, die an ihre Grenzen stoßen, sind ein Produkt des Kapitalismus. Dennoch wird das System nicht einfach von selbst zusammenbrechen. Es muss durch eine bewusste Bewegung der Arbeiterklasse – jener revolutionären Klasse, die im Kapitalismus selbst entstanden ist – gestürzt werden.

Der Kapitalismus schafft durch die Weiterentwicklung der Produktivkräfte die Grundlage für eine höhere Gesellschaftsform. Deshalb war die Klassengesellschaft historisch notwendig. Das Privateigentum und der Nationalstaat sind nun aber zu gewaltigen Hindernissen für die Weiterentwicklung der Produktivkräfte geworden. Der Kapitalismus hat sich überlebt, wie es die momentane Krise, die verschärften Sparmaßnahmen und die Massenarbeitslosigkeit deutlich demonstrieren.

Es wird nötig sein, das Privateigentum an Produktionsmitteln abzuschaffen und eine vernünftig geplante Wirtschaft an die Stelle der kapitalistischen Anarchie zu setzen. Natürlich sind wir nicht dafür, die kleinen Läden und Geschäfte zu übernehmen – wir wollen bei den gewaltigen Hebeln ansetzen, die die Wirtschaft beherrschen.

Um ein einheitliches Kredit- und Investitionssystem zu schaffen und einen auf unseren Bedürfnissen basierenden rationalen Plan einzuführen, müssen die Banken und Finanzhäuser übernommen und in ein staatliches Kredit- und Bankensystem zusammengeführt werden. Das ist die Voraussetzung für eine demokratische wirtschaftliche Planung. Das bedeutet nicht, dass die Konten von normalen Menschen beschlagnahmt werden. Ganz im Gegenteil: eine vergesellschaftete Bank wird für kleine Einlagen viel bessere Konditionen schaffen, als es die profitorientierten Privatbanken heute tun. Gleichzeitig wird sie in der Lage sein, für kleine Unternehmen, die heute von den großen Monopolen zerstört werden, günstige Kredite bereitzustellen.

Die großen Unternehmen, die jetzt die Wirtschaft beherrschen, werden entschädigungslos übernommen und unter der demokratischen Kontrolle und Leitung der Arbeiter und Arbeiterinnen weitergeführt. Die Aufgabe ist, die gesamte Produktion- und Verteilung auf einer menschenwürdigen und praktikablen Basis zu reorganisieren. Die vom Kapitalismus hinterlassenen Ressourcen können dafür genutzt werden, die Arbeitslosigkeit abzuschaffen und die Arbeitszeit drastisch zu reduzieren. Das wird mit einem deutlichen Anstieg des Lebensstandards einhergehen und den arbeitenden Menschen die Möglichkeit geben, sich an der Organisation der Gesellschaft zu beteiligen.

Im Kapitalismus planen die Kapitalisten die Produktion in ihren Fabriken und Unternehmen. Sie kämen nicht im Traum darauf, die blinden Kräfte des Marktes in ihren Fabriken walten zu lassen. Sie selbst entscheiden, wie sie Arbeitskräfte und Maschinen so zusammenbringen, dass dabei optimale Ergebnisse herauskommen. Wenn sie dem Markt gestatten würden, das zu übernehmen, würden sie aus dem Geschäft gedrängt werden. Die Kapitalisten entwickeln ihre eigenen Planungsmodalitäten. Die bewusste Kontrolle über das Wirtschaftsleben, die im Sozialismus stattfinden wird, beginnt sich bereits in den kapitalistischen Fabriken zu entwickeln, wenn auch in einer hierarchischen Form mit Zwangscharakter. Völlig anders aber, sobald man die Fabrik verlässt. Hier draußen wird nichts mehr geplant oder vorhergesehen. Alles wird einer „unsichtbaren Hand“ überlassen. Wie groß ist der Kontrast zur Anarchie der Produktion, zur kapitalistischen Wirtschaft als Ganzer! Das alleine zeigt schon, dass die Marktwirtschaft eine unnatürliche Art ist, unser Leben zu gestalten, und ersetzt werden muss.

Eine verstaatlichte Wirtschaft unter demokratischer Arbeiterkontrolle würde bedeuten, dass vernünftige Planung und Kontrolle über die sinnvollste Nutzung der Ressourcen entscheiden würden und nicht die Kräfte des Marktes und das Wertgesetz. Angesichts der heutigen Technologie ist eine kollektive, demokratische und rational geplante Gesellschaft durchaus möglich. Die Tatsache, dass Handys und Computer allgegenwärtig geworden sind, eröffnet unglaubliche Möglichkeiten für eine allgemeine, demokratische Beteiligung an der Gesellschaft, von der man vor 50 Jahren noch nicht einmal träumen konnte.

Mit neuen Technologien und Automatisierungen in der Produktion verschwinden Berufe, bei denen man nur vor einem Bildschirm sitzt und Informationen verarbeitet, immer mehr. Offshore-Arbeiter und Arbeiterinnen in Indien sind davon genauso gefährdet wie ihre Kollegen im Westen. Arbeiter und Angestellte stehen im Kapitalismus vor der gleichen trostlosen Zukunft. China ist der am schnellsten wachsende Markt für Roboter. Kein Mensch kann mit den unaufhaltsam sinkenden Kosten der Automatisierung mithalten. Aber da die Arbeit im Verhältnis zu den Maschinen „unwirtschaftlich“ wird, nimmt die Kaufkraft ab. Das kapitalistische System befindet sich in einem enormen Widerspruch. Es kann das technologische, wissenschaftliche und produktive Potenzial, das es geschaffen hat, nicht nutzen.

Eine Zukunft des Wohlstandes wartet auf die Menschheit, wenn sie es schafft, dieses Potential zu nutzen. Nervtötende Arbeit, die depressiv macht, kann abgeschafft werden. Eine enorme soziale und kulturelle Transformation ist in greifbarer Nähe. Aber auf kapitalistischer Basis eröffnet sich nur ein Alptraum, ein gnadenloser Wettlauf nach unten. Die Aufgabe, vor der wir stehen, ist es, den Kapitalismus zu stürzen. Das ist unsere einzige Alternative.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schrieb der französische Marxist Paul Lafargue eine Broschüre mit dem Titel Das Recht auf Faulheit. In diesem wurde es zur Tugend erklärt, die Plackerei der Arbeit zu beenden und das Bedürfnis nach Freizeit propagiert. Die herrschende Klasse hatte immer ein Monopol über Kunst, Wissenschaft, Kultur und Staatsgewalt. Es ist an der Zeit, dass normale Arbeiter und Arbeiterinnen endlich echten Zugang und Kontrolle über diese Dinge bekommen.

Der Sozialismus würde die Verschwendung, Vervielfältigung und Ineffizienz des Kapitalismus beenden und den anarchischen allgemeinen Wettbewerb des Marktes beseitigen. Die Verteilung von Ressourcen, einschließlich der Arbeitskraft, wird rational und in Verbindung mit den Bedürfnissen der Gesellschaft erfolgen. Das wird unser Leben und die Welt auf wundersame Art und Weise verändern. Der Wert, eine Kategorie, die zur Warenproduktion gehört, wird mit dieser Produktionsweise verschwinden. Wie Engels richtig bemerkte: „Die Leute machen alles sehr einfach ab ohne Dazwischenkunft des vielberühmten ‚Werts‘.“(Friedrich Engels: Anti-Dühring, S. 288.) 

Zum ersten Mal wird die Menschheit ihr Schicksal in der Hand haben.


 [1] die „Österreichische Schule“ war dezidiert antimarxistisch und entfaltete ihre größte Wirkung Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die 1930er Jahre. Ihre bekanntesten Vertreter sind die Ökonomen Carl Menger (1840-1921), Ludwig von Mises (1881-1973) und Friedrich Hayek (1899-1992) – letzterer gilt als Vordenker des sog. Neoliberalismus.

[2] genau genommen kaufen dabei Zentralbanken Anleihen, d.h. Schuldscheine, vor allem Staatsanleihen, auf und drucken Geld im Wert dieser gekauften Anleihen. Die Staaten „garantieren“, dass diese Anleihen auch bezahlt werden – beispielsweise, indem sie mehr Steuergelder einnehmen oder Sparmaßnahmen vornehmen.

[3] ein frühes Beispiel einer Spekulationsblase: 1637 brach der Tulpenpreis in den Niederlande zusammen, nachdem die Tulpenzwiebel zum Spekulationsobjekt geworden war.

[4] Die Blase der South Sea Company-Aktien, eine Handelsgesellschaft, die Reichtum durch Südamerika-Handel versprach, platzte 1720.

 
 

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